Stadtarchäologie Graz

Graue Kunststoffboxen mit archäologischen Funden in einem Regal in der Halle der Stadtarchäologie Graz
Foto: Stadtarchäologie Graz

Kurze Geschichte der Stadtarchäologie

Die Stadtarchäologie Graz als jüngster Teil der Sammlungen des Graz Museums wurde 2021, basierend auf einem Gemeinderatsbeschluss, eingerichtet. Ausschlaggebend dafür war die große Anzahl zeitgeschichtlicher Funde, die bei seit 2017 durchgeführten archäologischen Grabungen im ehemaligen Lager Liebenau bzw. im ehemaligen Brauereigelände Reininghaus zutage gekommen waren und die daraus resultierende Frage, wie mit einer derartigen Menge an Massenfunden umzugehen ist. Der Großteil stammte dabei von städtischen Liegenschaften, nur ein kleiner Teil von Grundstücken privater Bauträger. Mit der Sicherung der Funde wurde die neu geschaffene Stadtarchäologie beauftragt; die Lagerung der Funde erfolgt, bis zur Einrichtung eines Zentraldepots für alle Sammlungsbestände des Graz Museums, in Depoträumlichkeiten in der Styriastraße 23.
Die Aufgabe der Stadtarchäologie ist die Betreuung archäologischer Funde von städtischen Liegenschaften sowie weiteren historisch bedeutenden Funden im Grazer Stadtgebiet.
Zusätzlich dient sie als Anlaufstelle für Fragen zur Grazer Archäologie und Kontaktadresse für Fundmeldungen aus dem Stadtgebiet.

Forschungsschwerpunkte

Ehemaliges Lager Liebenau: Der Lagerkomplex, bezeichnet als Lager V, entstand um die Jahreswende 1940/41 zur Aufnahme umgesiedelter Volksdeutscher. Das Lager war für rund 5000 Personen konzipiert, als Folge von Sach- und Platzzwängen aufgrund des verschärften Luftkrieges änderten sich die Lagertopographie, die Nutzung einzelner Strukturen und deren Funktionen. Mit der Umrüstung der Industrie auf die Erzeugung kriegswichtiger Produkte wurden zunehmend Zwangsarbeiter*innen und Kriegsgefangene als Ersatz für die an die Front abkommandierten Männer benötigt. Im Jahr 1945, knapp vor Kriegsende, war das Lager Liebenau eine Zwischenstation auf den Todesmärschen ungarischer Jüdinnen und Juden. Der Verbleib vieler Opfer ist ungeklärt, die Archäologie möchte dabei zur Aufklärung, auch anhand der Aufarbeitung der zahlreichen getätigten Funde, beitragen.

Ehemaliges Brauereigelände Reininghaus: Die Brauerei wurde 1853 von den Brüdern Reininghaus auf dem Areal einer bereits bestehenden Brauerei gegründet. Die Brauerei wurde in den darauffolgenden Jahren enorm vergrößert und war die erste dampfbetriebene Brauerei der Steiermark. 1940 wurde das Umsiedlerlager Mühlstraße für Bessarabien-Deutsche errichtet, das später als Fremdarbeiter*innen- und Zwangsarbeiter*innenlager weiter genutzt wurde. Bier wurde in Reininghaus, unter militärischer Verwaltung, bis Kriegsende produziert, die Anlage aber zu rund 80% für militärische Zwecke genutzt. Innerhalb des Areals kamen, vor allem in verfüllten Bombentrichtern, massenhaft Industrieabfall und Brauereiüberreste zu Tage.
Generell stehen alle Fundkontexte aus öffentlichen Grundstücken im Fokus der Stadtarchäologie.

Arbeitsbereiche und Projekte

Im Zuge der archäologischen Grabungen, unter anderem im ehem. Lager Liebenau und im ehem. Brauereigelände Reininghaus, wurde die Stadtarchäologie zur Aufbewahrung und Verwaltung der Funde beauftragt. Aus den meisten Grabungen geht eine Masse an Funden hervor (vor allem zeitgeschichtliche Funde), und um mit diesen Massenfunden umzugehen, gehörte zum ersten Schritt die Kategorisierung aller Fundobjekte. Dafür wurde ein Kriterienkatalog angefertigt. Mit diesem Kriterienkatalog soll hinterfragt werden, ob die Funde eine historische und/oder wissenschaftliche Bedeutung besitzen, und/oder ob sie Verwendung als Ausstellungsexponate in einem Museum haben. Im Zuge einer Inventarisierung werden die Funde zuerst gereinigt und danach nach Material, Größe und Kategorie beschrieben. Im Anschluss werden sie fotografiert und gemäß konservatorischer Richtlinien des Bundesdenkmalamtes aufbewahrt. Jeder Fund wird einzeln oder in einem Konvolut in eine Datenbank eingetragen.

Für die restauratorische und konservatorische Behandlung von Funden wurde eine Werkstatt mit speziellen Geräten und einer Ausrüstung für den Umgang mit verschiedenen Materialien eingerichtet, die sowohl den Standards der Restaurierung als auch der Konservierung entsprechen.

Das Ziel der Stadtarchäologie in Hinblick auf die bereits übernommenen Funde der Stadt Graz und aller zukünftigen Fundübernahmen soll sein, sie zu verwalten, diese für Ausstellungen und Forschung zur Verfügung zu stellen, und als zentrale Sammelstelle von Funden aus Grazer Fundstellen zu fungieren.

Geplante Vorhaben
Ein weiteres Projekt der Stadtarchäologie Graz ist die Betreuung des bereits existierenden Grazer Archäologie Katasters.

Anlaufstelle
Die Stadtarchäologie am Graz Museum versteht sich als erster Ansprechpartner für städtische Einrichtungen und auch von privater Seite für Fragen zu archäologischen Funden und Fundstellen aus dem Stadtgebiet von Graz. Für derartige Anliegen wurde die Emailadresse stadtarchaeologie@stadt.graz.at eingerichtet.
Im Sinne von § 8 Denkmalschutzgesetz ist die Stadtarchäologie auch Anlaufstelle für die Meldung von Bodendenkmalen und/oder Zufallsfunden, die aus dem Grazer Stadtgebiet stammen.